Der Tag, an dem sich alles veränderte!

Am 04. März 1994 wurde ich als damals 6jähriges Mädchen von einem Autofahrer, der viel zu schnell fuhr, in unserem Ort, beim Spielen mit Freunden auf einem Bürgersteig unverschuldet angefahren. Ich bin seit diesem Tag komplett querschnittsgelähmt und werde künstlich über ein Tracheostoma beatmet. Meine Verletzung ist in Höhe des zweiten Halswirbels.

Der Unfall passierte glücklicherweise vor der Haustür einer Krankenschwester, diese hörte den Unfall von ihrem Wohnzimmer aus und kam direkt nach draußen gerannt. Sie sah mich leblos auf dem Bürgersteig liegen und fing direkt an mich wiederzubeleben, bis die Rettungskräfte nach über 30 Minuten endlich eintrafen. Ihr habe ich es also zu verdanken, dass ich überhaupt noch lebe und mein Leben so genießen kann, wie ich es tue. Seit 1997 arbeitet sie auch in meinem privaten Pflegeteam und ist mittlerweile auch wie eine zweite Mutter für mich geworden. Mit dem Hubschrauber wurde ich zur Erstversorgung in ein Koblenzer Krankenhaus gebracht. Dort blieb ich fünf Wochen. Die erste Diagnose lautete: schwere Gehirnerschüttung, Beckenbruch und das linke Schien- und Wadenbein waren gebrochen. Meinen Eltern wurde gesagt, dass ihre Tochter nochmal Glück im Unglück gehabt hätte. Nach mehrmaliger Computertomographie konnte keine Kopf- und Wirbelsäulenverletzung festgestellt werden. Die Ärzte waren mit der Situation total überfordert und konnten meinen Eltern einfach nicht sagen, warum ich mich nicht bewegen und ich auch nicht selbständig atmen konnte.

Am 19. Tag nach meinem Unfall wurde bei mir dann eine Kernspintomographie durchgeführt. Das Ergebnis war eine Prellung im Rückenmark in Höhe des zweiten Halswirbels. Dies wurde aber auch nur festgestellt, weil alle Ärzte wussten, sie müssen jetzt was finden, irgendwas war ja schließlich nicht in Ordnung. Sofort nahmen meine behandelnden Ärzte Kontakt zu einer Spezialklinik auf. Innerhalb von wenigen Tagen wurde ich dann nach Reinhardshausen (Bad Wildungen) in die Werner-Wicker-Klinik verlegt. Meine Eltern, die vom Unfalltag an stets bei mir waren, begleiteten mich auch dort hin, in der Hoffnung, dass ich wieder "gehend" das Krankenhaus verlassen kann.

Es war ein großes Elend auf der Intensiv-Station dort. Es gab tatsächlich noch mehrere solche Schicksale. Die Ärzte klärten meine Eltern endlich auf, wie unser Leben sich jetzt völlig verändern und was jetzt alles auf uns zu kommen sollte. Ich werde mich nie wieder bewegen können und immer auf ein Beatmungsgerät angewiesen sein. In der Spezialklinik lernte ich dann zusammen mit meinen Eltern mit dieser neuen Situation in meinem Leben umzugehen und diese habe ich selbst auch sehr schnell akzeptiert. Ich lernte, wie ich mit einem E-Rolli mit Kinnsteuerung und Computer umzugehen habe. Ich hatte ja eigentlich alle Zeit der Welt, lernte es aber zum Staunen aller, in ganz kurzer Zeit. Mama und Papa wurde in acht Monaten die Intensivpflege bei einem Beatmeten beigebracht.

Ich bekam in diesen Monaten immer wieder viel Besuch von zu Hause. Zu Hause, immer wieder stellte ich mir vor, wie es dort wohl noch aussah und vor allem, wie würde es sein, wenn ich einmal wieder dort sein würde? Für Verwandte und Bekannte war es ein schrecklicher Anblick, mich so liegen zu sehen mit all den Schläuchen, Kabeln und Maschinen. Auch für meine Freundinnen, die mit ihren Eltern zu Besuch kamen, war es schwer daran zu denken, dass ich nie wieder mit ihnen herumtoben kann. In den ganzen Monaten musste mein kleiner Bruder Tim bei Oma und Opa wohnen, nur ab und zu kam er uns besuchen. Auch für ihn war es eine sehr schwere Zeit.

Als dann irgendwann feststand, dass die Reha abgeschlossen ist, die Situation so ist wie sie ist und wir in Kürze das Krankenhaus verlassen werden, begann eine neue und stressige Zeit für mich und besonders für meine Eltern. Schließlich musste alles für meine Entlassung vorbereitet werden, zu Hause musste alles schnellstmöglichst für mich und meinen Elektrorollstuhl umgebaut werden, Beatmungsgeräte, Absauggeräte, Pflegebett, Elektrorollstuhl, ein speziell umgebautes Auto etc. mussten bestellt werden und natürlich musste ein Pflegeteam auf die Beine gestellt werden, welches mich zukünftig 24 Stunden am Tag zu Hause pflegt und betreut. Meine Eltern mussten dazu Haus und Hof verpfänden, um die riesen Kosten zu stemmen, zusätzlich mussten sie sich um den zukünftigen Pflegedienst kümmern. Da wir auf dem Land wohnen und es 1994 extrem schwer war in der näheren Umgebung einen Pflegedienst zu finden, der Beatmungspatienten aufnimmt, riet uns unser Anwalt dazu einen eigenen Pflegedienst zu gründen, der ausschließlich mich pflegen darf und bei dem ich, bis zu meinem 18. Geburtstag in Vertretung durch meine Eltern, der Chef bin. Nach kurzem Überlegen und Genehmigungen einholen, haben wir uns dazu entschieden einen eigenen Pflegedienst nach dem Arbeitgebermodell zu gründen und haben geeignetes Personal gesucht. Kurze Zeit später hatten wir auch schon zwei examinierte Krankenschwester bei uns in der Nähe gefunden, da die beiden aber noch nie etwas mit Beatmung zu tun hatten, mussten beide zu mir in die Spezialklinik kommen, um angelernt zu werden und an speziellen Puppen zu üben. Als zu Hause endlich alles geregelt war, konnte ich am 30. September 1994 die Klinik endlich verlassen und nach langen 7 Monaten wieder in unsere eigenen vier Wände und auch endlich wieder zu Tim. Dort wurden wir mit riesigen Plakaten und jede Menge Willkommensgrüßen von Verwandten, Bekannten und Freunden ganz herzlich empfangen, worüber wir uns unendlich gefreut haben. Eine Woche später bereits entschlossen meine Eltern und ich, nach dem ganzen Krankenhaustress, uns in Südtirol (Italien) zu erholen.

Dadurch, dass ich auf offener Straße von einem jungen Autofahrer erfasst wurde, ist dieser mit 100prozentiger Schuld verurteilt worden. Seine Haftpflichtversicherung hätte für alles aufkommen müssen. Ein harter Kampf für meine Eltern begann. Es war eine zusätzliche schwere Belastung für sie. Die Versicherung blockte zuerst alles ab. Der Fall Lisa Steffen war für diese irgendeine Schadensnummer, aber in keinster Weise noch ein menschliches Wesen. Wir verklagten die Versicherung als wir merkten, dass keinerlei Einsicht war. Alle Gutachten wurden bei Gericht von der Versicherung nicht anerkannt und zunichte gemacht, es wurden dadurch immer wieder neue Gutachten erstellt. Als dann Mitte 1997 immer noch keine Entscheidung da war und wir komplett mit dem Rücken an der Wand standen, entschlossen wir uns dazu, mit dem ganzen an die Öffentlichkeit zu gehen. Wir schalteten Presse und Fernsehen ein, um alle auf unseren Fall aufmerksam zu machen. Natürlich nannten wir in den Berichten nicht den Namen der Versicherung, da wir ihnen die Chance geben wollten, es auch so zu klären. Nachdem mein Bericht dann mehrmals auf verschiedenen Sendern im Fernsehen zu sehen war, ging auf einmal alles ganz schnell. Mit großen Schritten kam die Versicherung auf uns zu. Das erste Mal seit vier Jahren Rechtsstreites über Anwälte und Gericht lernten sie mich endlich mal persönlich kennen und sahen mich auch mal. Innerhalb von zwei Monaten war unsere Forderung bei Gericht verglichen worden. Für meine Eltern war es eine große Erleichterung, dass endlich nach vier Jahren zumindest die finanzielle Seite geklärt war.

Ich war 1994 der erste Beatmungspatient, der es geschafft hat, in eine ganz normale Schule gehen zu können. Schon im Krankenhaus bekam ich von den Lehrern der Krankenhausschule Unterricht, da man in Hessen auch im Krankenhaus schulpflichtig war. Dort lernte ich dann die ersten Buchstaben des Alphabets und kleinere Rechenaufgaben. Kurz vor meiner Entlassung hatten meine Eltern ein Treffen des Schuldirektors der Grundschule, die ich zu Hause besuchen sollte und der zukünftigen Klassenlehrerin vor Ort in der Klinik organisiert. Dort konnten mich dann beide mal kennen lernen und wir konnten darüber sprechen, wie mein Schulbesuch aussehen sollte. Für uns war es ja auch eine ganz neue Situation und wir wussten nicht wie das mit der Schule funktionieren sollte. Meine damalige Klassenlehrerin war mit der Situation ziemlich überfordert und war nicht so richtig einverstanden, mich in ihrer Klasse zu haben. Dies lag wie sich später herausstellte aber weniger an mir selbst, sondern an meiner Krankenschwester, die mich wegen der Beatmung natürlich auch dorthin täglich begleiten musste. Meine Eltern wollten jedoch, dass ich mit meinen Freunden zusammen in eine Klasse gehe und sie überredeten den Schuldirektor dazu einen Versuch zu starten. Man wusste ja schließlich nicht, ob es von deren Seite irgendwann doch nicht klappen würde oder ob es von meiner Seite aus nicht funktionieren würde und so entschieden wir uns dazu, es einfach 3 Monate zu testen. Da ich erst Ende September 1994 aus dem Krankenhaus entlassen wurde, wurde ich erst nach den Herbstferien in die gleiche Klasse wie meine Freunde eingeschult. Die ersten beiden Grundschuljahre verbrachte ich in der Grundschule Kastellaun, danach war auch endlich die Grundschule in unserem Ort fertig, wo ich dann noch die 3. und 4. Klasse besuchte. Nach der Grundschule, habe ich eine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen, habe mich dann aber für die Integrierte Gesamtschule Kastellaun, die größte Schule in Rheinland-Pfalz, entschieden, da meine ganzen Freunde auf diese Schule gegangen sind. Natürlich hatten wir erst große Bedenken, dass ich mit dem ganzen Druck, den vielen Blicken der Anderen und inmitten der vielen "normalen" Kinder nicht zurecht kommen würde. Doch ich kam mit allem sehr gut zurecht und ich war in meiner Klasse sofort eine ganz normale Schülerin, wie alle anderen auch. Es wurde keine Klassenfahrt mehr ohne mich geplant, wir sind nur dorthin gefahren, wo ich auch mit meinem E-Rolli hin konnte. Meine Klassenkameraden und auch die anderen Schüler haben sich immer toll um mich gekümmert, indem sie mir die Türen aufhielten oder einfach nur die Stühle zur Seite schoben. Kinder kommen mit solchen Situationen eben besser klar und akzeptieren diese auch einfacher als Erwachsene. An dieser Schule habe ich dann im Juni 2004 meinen Realschulabschluss gemacht. Bei der Abschlussfeier habe ich sogar von meiner damaligen Klassenlehrerin den Förderpreis 2004 für besondere Leistungen in Rheinland-Pfalz überreicht bekommen. Auch bei den Abschlussaufführungen habe ich natürlich mitgewirkt, dies war ein toller und unvergesslicher Abend für mich und meine Familie.

Eigentlich sollte ich dann noch im gleichen Jahr mit meiner Ausbildung anfangen, doch ich musste wegen meiner Skolliose wieder in die Spezialklinik. Meine Wirbelsäule war mittlerweile um 84° verkrümmt und musste dringend operativ begradigt werden. Daher hat sich meine Lehre um 1 Jahr verschoben und dann habe ich von September 2005 bis September 2008 eine virtuelle Ausbildung als Bürokauffrau über das Berufsbildungswerk Neckargemünd von zu Hause aus übers Internet gemacht. Dort hatte ich einen ganz normalen Stundenplan, nach dem ich mich jeden Tag zu verschiedenen Zeiten mit meiner Webcam und meinem Headset in das Schulsystem einloggen musste. In meiner Klasse waren insgesamt 8 Schüler, die alle verschiedene Behinderungen hatten und auch in ganz Deutschland verstreut zu Hause waren. Mit einigen meiner damaligen Mitschüler habe ich auch heute noch Dank Facebook guten Kontakt. Die verschiedenen Lehrer haben uns das komplette Lernmaterial in den verschiedenen Fächern auf der Bildschirmoberfläche erklärt. Auch zu den Klausuren mussten wir uns mit der Webcam und dem Headset einloggen, um dabei nicht schummeln zu können. Die Zwischenprüfung wurde damals nicht wirklich stark kontrolliert, aber während den schriftlichen Abschlussprüfungen saß ein Prüfer der Industrie- und Handelskammer insgesamt 3 Tage vom 05. - 07. Mai 2008 neben mir am Schreibtisch und hat meine Prüfung überwacht, damit ich nicht schummeln konnte. Die mündliche Abschlussprüfung habe ich am 11. September 2008 über meine Webcam absolviert. Anschließend war die Freude natürlich riesen groß, denn ich bekam mitgeteilt, dass ich meine Ausbildung mit einem guten Durchschnitt erfolgreich abgeschlossen habe. Auch zur Abschlussfeier am 19. September 2008 bin ich zusammen mit meinen Eltern nach Neckargemünd gefahren, wo ich zum ersten Mal nach den 3 Jahren meine Mitschüler und auch Lehrer live sah. Auf der Bühne bekamen wir dann alle unsere Abschlusszeugnisse persönlich vom Schuldirektor überreicht und anschließend haben wir in der Aula noch ordentlich gefeiert. Die Ausbildung war wirklich eine tolle Zeit und ich bin immer noch froh, dass es die Möglichkeit gab diese zu machen.

Nach meiner Ausbildung habe ich immer wieder Schreibarbeiten wie Flyer oder Einladungen für Freunde und Familienangehörige gemacht. Einen richtig festen Job, bei dem ich von zu Hause aus arbeiten konnte, hatte ich die ganze Zeit leider nicht. Da mir dann doch etwas die Decke auf den Kopf gefallen ist, habe ich im November 2013 ein zweijähriges Fernstudium als "Online-Redakteurin" bei der SGD Darmstadt begonnen. Da ich mir dort meine Lernzeit so einteilen konnte, wie es für mich zeitlich am besten war, war dieses Studium für mich natürlich optimal. Endlich hatte ich wieder eine tägliche Aufgabe. Während dem Studium habe ich gelernt wie man eine Website erstellt oder das richtige Schreiben als Redakteurin. Das Studium habe ich im Juni 2015 mit einem sehr guten Durchschnitt erfolgreich abgeschlossen.

Trotzdem hatte ich weiterhin den Wunsch nach einem normalen Arbeitsplatz, im September 2015 hatte ich dann endlich die Gelegenheit unentgeltlich 2x die Woche 3 Stunden im Büro der Firma Brust in unserem Nachbarort Bell zu arbeiten. Unter meinen männlichen Arbeitskollegen fühle ich mich sehr wohl und die Arbeit macht mir auch riesen Spaß. Ich bin froh zu Hause raus und unter Leute zu kommen. Auch hierhin begleitet mich immer eine meiner Assistentinnen. Ich hoffe sehr, dass ich das noch einige Zeit weitermachen kann.

Von meinen Eltern und zurzeit fünf Assistentinnen, davon drei examinierte Krankenschwester, eine examinierte Altenpflegerin und eine examinierte Arzthelferin, werde ich rund um die Uhr gepflegt. Die wöchentlichen Arbeitszeiten und Urlaubsplanungen legen wir bei unseren Teamsitzungen einmal im Monat, selbst fest. Wir können uns nicht vorstellen, dass es besser laufen könnte, wie es bei uns im Moment ist. Natürlich hat es lange gedauert bis wir es endlich so hatten.

Trotz unseres schweren Schicksals, sind wir eigentlich eine ganz normale Familie mit allen Höhen und Tiefen, auch ein Streit gehört ab und zu mal dazu. Ich werde wegen meiner Behinderung auch in keinster Weise von meinen Eltern bevorzugt, ich werde genauso behandelt wie mein Bruder auch, was ja auch so sein sollte. Wir unternehmen auch recht viel, wir versuchen soweit es möglich ist, alles zu machen was wir machen wollen. Wir machen auch zusammen mit meinen Assistentinnen alle zwei Jahre Badeurlaub in einem rollstuhlgerechten Hotel in der Nähe von Rom (Italien), wo ich mich immer sehr gut erhole. In dem Jahr wo wir nicht nach Italien fahren, mache ich zusammen mit meinen Pflegekräften immer eine Städtereise, da ich mir auch sehr gerne Sehenswürdigkeiten und andere kulturelle Dinge anschaue. Bisher habe ich schon Hamburg, München, Berlin, Rom und zuletzt Amsterdam erkundet, wo wir bis jetzt immer jede Menge Spaß hatten. Auch sonst unternehme ich relativ viel mit meinen Assistentinnen, wir gehen gerne zusammen shoppen, ins Kino oder auf Konzerte. Gehen viel raus in die Natur und so oft wie möglich mit meinem Hund Sammy spazieren. Außerdem treffen wir uns öfters mit meinen Freunden und gehen mit ihnen essen oder machen einen Spieleabend.

Mein Leben verläuft eigentlich relativ "normal", soweit man dies sagen kann, weil ich meine ganze Familie und meine wenigen, aber treuen Freunde um mich habe, die sich auch alle sehr gut um mich kümmern. Was mich noch alles in meinem weiteren Leben erwartet, lasse ich alles auf mich zukommen, denn ich weiß solange meine Eltern bei mir sind, brauche ich keine Befürchtungen zu haben. Sie werden mich nie im Stich lassen, sondern fest hinter mir stehen und immer wieder aufs Neue für mich kämpfen und dafür liebe ich sie und bin ihnen auch unendlich dankbar.